Brief an den Bundespräsidenten

Der Grundkurs-Türkisch schreibt einen Brief an den Bundespräsidenten

Im Grundkurs-Türkisch beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler der 13. Jahrgangsstufe intensiv mit aktuellen Themen und Medien. Die Problematik um das Beschneidungsverbot interessierte sie besonders, woraufhin der Entschluss gefasst wurde, einen Brief an den Bundespräsidenten zu schreiben, in dem sie ihre Meinung äußern und die Problematik erörtern wollten. Die türkische Version des Briefes wurde auszugsweise am 01.10.2012 in der Europa-Beilage der türkischen Zeitung Hürriyet veröffentlicht.

http://www.hurriyet.de/haberler/gundem/1297365/sunnet-yasaklanmasin/otto%20hahn#

Eine Antwort vom Bundespräsidialamt folgte zwei Wochen später. In dem Brief heißt es, dass der Bundespräsident den Interessen und Wünschen von Schülerinnen und Schülern große Beachtung schenkt und diese seine Entscheidungen stets beeinflussen.

 

Der Brief:

Die Beschneidung ist ein Teil der islamischen Religion. Sie sollte nicht verboten werden!


Sehr geehrter Herr Bundespräsident Joachim Gauck,


wir sind Schülerinnen und Schüler aus Berlin, welche die 13. Klassenstufe der Otto-Hahn- Schule besuchen. Gemeinsam mit unserem Türkischkurs behandeln wir zurzeit aktuelle politische Themen. In letzter Zeit diskutierten wir viel über das Beschneidungsverbot, das in den Medien weit verbreitet war und bei der islamischen und jüdischen Gesellschaft für viel Unruhe gesorgt hat. Um auch unseren Standpunkt und unsere Meinungen als Teil der deutschen Gesellschaft zu Sprache zu bringen, beschlossen wir, Ihnen einen Brief zu schreiben.

Die Beschneidung als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzusehen, hat uns sehr beunruhigt. Ebenfalls aufgewühlt hat uns Ihr Brief an den israelischen Bundespräsidenten Simon Perez, in dem Sie Ihr Mitgefühl gegenüber der jüdischen Bevölkerung offen dargelegt haben. Diese Geste hätten Sie ebenso den muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern entgegenbringen können.

Die Beschneidung ist im islamischen und jüdischen Glauben sehr wichtig und wird auch empfohlen. Wenn man die Beschneidung aus medizinischem Standpunkt betrachtet, ist sie für den Jungen nicht schädlich, sondern ganz im Gegenteil: Sie hat viele Vorteile für die menschliche Gesundheit und ist aus hygienischer Sicht von großer Bedeutung.

Bei der Beschneidung darf kein Unterschied zwischen Juden und Muslimen gemacht werden. Für Muslime ist sie ein Symbol sowie Bestandteil des Islams und verstößt nicht gegen die Menschenrechte. Es sollte den muslimischen und jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern erlaubt sein, den eigenen Glauben frei auszuleben. Wie die Christen an die Zehn Gebote gebunden sind, sollten Muslime den Akt der Beschneidung frei durchführen können. Außerdem vertreten wir die Meinung, dass die Beschneidung neben der Religion, auch eine Annäherung an Gott darstellt. Deutlich möchten wir aussagen, dass die Beschneidung ein Teil der Identität der Bürger mit islamischem Glauben in Deutschland ist.

Nach der Beschneidung übernimmt das Kind eine gewisse religiöse Verantwortung.
Ein Junge, der nicht beschnitten ist, kann sich in seinem Umfeld ausgegrenzt fühlen und sogar psychisch beeinträchtigt sein. Die Familien hingegen sehen die Beschneidung als eine grundlegende Verantwortung an, die eingehalten werden sollte. Ein Fernbleiben bedeutet gleichzeitig ein Loslassen des Glaubens.

Im letzten Jahr starben in Deutschland aufgrund von Gewalt und Missbrauch durchschnittlich drei Kinder in der Woche. Die Rate ist um fünf Prozent gestiegen. Als im Mai 2012 Statistiken darüber veröffentlicht wurden, wurde kaum darüber gesprochen und niemand wollte über dieses Thema reden. Doch das Thema der Beschneidung wird heiß in den Medien diskutiert.

Warum wird plötzlich darüber gesprochen, dass die Beschneidung als Teil des islamischen Glaubens verboten werden sollte? Weshalb wird über den Schutz der Kinder geredet?
Wir wollen, dass schnellstmöglich Lösungen für diese problematische Debatte gefunden werden und dass straffrei Beschneidungen stattfinden können.

Wir hoffen, dass Sie unserem Brief und unseren Standpunkten Aufmerksamkeit schenken und dass in Deutschland gegenüber der Religion mehr Toleranz entgegengebracht wird. Wir sind bereit, in öffentlichen Debatten über diese Problematik zu diskutieren. Als bildungsnahe Schülerinnen und Schüler wollten wir Ihnen mit diesem Schreiben unsere Interessen vermitteln und den Appell ausrichten, dass Glaube und Traditionen respektvoll und rücksichtsvoll behandelt werden sollten.

Mit freundlichen Grüßen

Die Schülerinnen und Schüler des Türkisch-Grundkurses der Otto-Hahn-Schule:

Acar, Koray /Akdeniz, Nurgül / Babalık, Habibe / Bayram, Merve Meltem / Bekkaya, Gizem / Bilgen, Tolgahan / Bostancı, Volkan / Çabuk, Duygu /Duman, Merve / Gümüş, Sezer / Günaydın, Muhammet / Kırımlı, Ismail / Küçükbingöl, Feza / Portakal, Mustafa / Singin, Abdullah

   
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