Die Schülerinnen und Schüler der OHS sind mitten in aktuellen Themen

Die Schülerinnen und Schüler der 13. Stufe beschäftigten sich im Türkisch-Unterricht intensiv mit diversen aktuellen Themen über deutsch-türkische Beziehungen in den Medien. Um sich ein genaues Bild von der Medienwelt zu schaffen und um zu mehr Hintergrundinformationen zu gelangen, besuchte der Türkisch Grundkurs am 25.11.2013 die Messe „Jugendmedientage“. Auf der Messe weckte die Podiumsdiskussion mit dem Chefkorrespondenten der türkischen Zeitung Hürriyet Ahmet Külahçı zum Thema „Migranten und ihre Darstellung in den Medien“ großes Interesse bei den Abiturientinnen und Abiturienten. In dieser Diskussion erwähnte Herr Külahçı, dass die Medien von der Pressefreiheit in allen Ebenen und Richtungen Gebrauch machen. Daher kann es vorkommen, dass die türkischen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland in einem anderen Licht beleuchtet werden. Er teilte weiterhin mit, dass die junge Generation mit Migrationshintergrund mittlerweile nicht mehr still in einer Ecke kauert, sondern aktiv im politischen Geschehen ist und viele politische Entscheidungen beeinflussen kann.

Die Schülerinnen und Schüler des Türkisch Grundkurses waren durch die Informationsmasse über die Medien so beeindruckt, dass sie nun selber zu Wort kommen wollten. Sie nahmen das aktuelle Thema „Die doppelte Staatsbürgerschaft“ genauer unter die Lupe und beschlossen, einen überzeugenden Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel und an diverse Abgeordnete des Bundestages zu schreiben. Auf den Brief antworteten Sigmar Gabriel, Cansel Kiziltepe, Mahmut Özdemir und Cemile Giousouf.

(Text: Nur Şeyda Kapsız)

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Der Brief

Die doppelte Staatsbürgerschaft ist unser Recht!

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel,

wir sind Schülerinnen und Schüler in der 13. Klasse der Otto-Hahn-Schule in Berlin. Unsere Schule ist eine Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe im Herzen von Neukölln und wird überwiegend von Lernenden mit Migrationshintergrund besucht. Politisch aktuelle Themen wie Migration, Integration und Ausländer werden bei uns im Unterricht oft diskutiert. Auch in unserem Türkisch-Grundkurs behandeln wir momentan aufgrund der vergangenen Bundestagswahlen das Thema der doppelten Staatsbürgerschaft, welches seit längerer Zeit ein Diskussionsthema in Deutschland ist. Diese Angelegenheit ist für jeden einzelnen von uns von besonders großer Bedeutung, da wir alle aus unserem Grundkurs in Berlin zwar aufgewachsen sind und uns mit dieser Stadt identifizieren, aber uns ebenfalls mit unseren türkischen Wurzeln verbunden fühlen.

Eine Umfrage in unseren Kurs ergab, dass so gut wie alle nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, bzw. besitzen müssen, da ein Optionszwang das Beibehalten des türkischen Passes untersagt. Wir haben festgestellt, dass uns diese Entscheidung entweder die türkische oder die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen zu dürfen kränkt. Wir möchten uns nicht für eine Seite entscheiden, denn sowohl Deutschland als auch die Türkei sehen wir als unser zu Hause an. Die Akzeptanz beider Länder in schriftlicher Form anhand von Pässen ist unser größter Wunsch. Somit kann tiefgründiges Vertrauen sowie das Gefühl der Zugehörigkeit gestärkt werden.

Unserer Meinung nach ist die Optionspflicht eine ungerechtfertigte und unzumutbare Regelung. Italienische, afghanische oder griechische Bürgerinnen und Bürger bspw. können zwei Staatsbürgerschaften besitzen.

Im Artikel 1 im deutschen Grundgesetzt ist fest verankert, dass die Menschenwürde unantastbar sei. Doch wir als Deutsch-Türkinnen und Deutsch-Türken fühlen angegriffen, da an dieser Stelle eine Ungerechtigkeit ersichtlich wird.

„Gleiches Recht für alle“ sollte für alle, so wie es im Grundgesetz Artikel 3 Absatz 1 und 3 steht, gelten:

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

„     Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

      Die Gesetze sind dafür da, sie zu beachten und auch durchzuführen.

Entscheiden sich viele türkeistämmige Menschen für den türkischen Pass, so verliert die Europäische Union viele Bürger. Laut den Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2012 beträgt die Anzahl der türkischstämmigen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland 1 575 717. In Europa reicht die Zahl bis zu 6 Millionen. Mit diesen Zahlen möchten wir aufzeigen, dass die Türkei trotz des steinigen Beitrittsprozesses ihren Platz bereits in der Europäischen Union mit ihren Bürgerinnen und Bürger seit nun mehr als 50 Jahren innehat.

Unsere Vorfahren aus der ersten Generation waren lediglich Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich keine großen künftigen Perspektiven aufgebaut haben. Doch wir möchten im aktiven Verlauf Deutschlands mitwirken, ohne die Privilegien in der Türkei zu verlieren. Bildungs- und Karrierechancen möchten wir auf allen Ebenen ausweiten, um künftig international wirken zu können. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit, was den Handel betrifft. Auch wenn die Euro-Krise für eine Senkung der Zahlen des Handels beider Länder gesorgt hat, ist Deutschland immer noch an erster Stelle das Exportland der Türkei. Die Investment-Bereitschaft in Deutschland und in Türkei würde bedenkenlos verlaufen.

Bei dieser Diskussion haben wir auch enorme Schwierigkeiten bei der Findung des Grundes, warum für Bürgerinnen und Bürger der Türkei ein solcher Optionszwang vorausgesetzt ist. Dass das Lösen dieses „Problems“ nicht einfach ist, ist uns bewusst. Doch wir bitten Sie, in den Koalitionsgesprächen diese Chance aufzugreifen, durchzugreifen und eine positive Änderung vorzunehmen. Die CDU/CSU und die SPD können mit einer Einigkeit in dieser Thematik nur zu einer weiteren guten Entwicklung innerhalb der deutsch-türkischen Beziehungen beitragen.

Wir wären für Ihren Einsatz zur Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft sehr dankbar und hoffen, dass wir Sie mit diesem Schreiben im hohen Maße erreichen konnten.

Wir würden uns auf eine Antwort freuen und bedanken uns im Voraus, dass Sie sich die Zeit zum Lesen unseres Briefes nehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Rabia Akdeniz, Elvan Aktürk, Cihat Berber, Betül Demir, Hasan Malkoç, Bilgehan Özyılmaz, Mustafa Portakal, Züleyha Tilki, Muhammet Üresin, Ayşen Yeşil

Berlin, 18.11.2013

   
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